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Die Gruppierungen des Mittelalterhobbys und wie du deinen Platz darin findest


Wahrscheinlich hast du auch schon im Internet gestöbert und bist dabei auf ein paar seltsame Bezeichnungen gestoßen, die für dich gar nichts mit Mittelalter zu tun haben. Was zum Teufel ist denn Reenactment? Kann man Larp essen? Und wo genau kommt da jetzt die Dudelsackmusik? Keine Sorge, nach diesem Text weißt du Bescheid! Der Unterschied zwischen Histotaiment, Reenactment und Larp Leider ist die Mittelalterszene keine homogene Gruppe von Menschen, die alle dasselbe mögen. Wäre ja auch zu einfach gewesen. Im Groben gesehen, gibt es im Mittelalterhobby drei große Gruppen:


– das Histotaiment – das Reenactment – und das Larp.


Alle drei haben unterschiedliche Wege, ihr Hobby auszuleben und zu gestalten. Für die einen steht das historische im Vordergrund, den anderen ist der geschichtliche Aspekt egal. Und die dritten  wollen das ganze auch noch darstellerisch umsetzen. Alles ziemlich verwirrend für den Anfang.
Deswegen gibt es für dich auf den nachfolgenden Seiten kurze Beschreibungen der einzelnen Zweige. So kannst du dir ein Bild machen, ob die jeweilige Gruppierung vielleicht etwas für dich ist, oder ob du lieber einen großen Bogen darum machen möchtest.
Und falls du dann immer noch unentschlossen sein solltest, bekommst du noch ein paar Tipps, wie man als Anfänger an dieses tolle, aber doch sehr komplexe Hobby herangehen kann.


Histotaiment

Histotaiment ist alles das, was du auf einem „gewöhnlichen“ Mittelaltermarkt finden kannst: Ritterturniere, Falknershows, Gaukler, Musiker und Metbuden – der Spaß steht hier im Vordergrund. Es geht also nicht darum, ein historisch korrektes Abbild des Mittelalters zu erschaffen, sondern eher ein mittelalterlich wirkendes Ambiente zu kreieren. Heißt im Klartext: Alles, was in Film und Fernsehen als „historisch“ verkauft wird, findet man hier. Hat zwar mit dem geschichtlichen Aspekt nichts zu tun, sieht aber schön aus und macht vor allem Spaß.
Was mache ich da den ganzen Tag?
Du hast zwei Möglichkeiten: Entweder, du fährst morgens auf den Markt, zahlst Eintritt, verbringst den Tag dort und fährst abends wieder nach Hause.
Oder du schließt dich einer Heerlagergruppe an und bleibst das ganze Wochenende vor Ort. „Mittelalter-Campen“ sozusagen. Heerlager sind alle die, die nichts verkaufen, auf der Bühne stehen oder anderweitig irgendwelche Shows anbieten. Man erkennt sie an den vielen weißen Baumwoll- und Leinenzelten.
Die Teilnahme an Märkten ist für die Lageristen meist kostenlos. Dafür verpflichten sie sich, den Besuchern auch etwas zum Schauen zu bieten. Sei es das Kochen über dem Lagerfeuer, das Darstellen einer Handarbeit, Wikingerschach spielen oder was einem sonst noch Lustiges über den Tag verteilt so einfällt. Damit tragen Heerlager extrem zur mittelalterlichen Atmosphäre bei. Du bist dann Teilnehmer des Marktes, nicht nur Besucher.
Falls du nun Interesse am Histotaiment und Lagergruppen hast, frag ruhig mal auf dem nächsten Mittelaltermarkt in deiner Nähe, ob es nicht Heerlager aus der Umgebung gibt, denen du dich anschließen kannst. Keine falsche Scheu. Die Leute beißen nicht und freuen sich immer, wenn Einsteiger Interesse an dem Hobby zeigen! Halte ansonsten die Augen in den sozialen Netzwerken offen. Gerade auf Facebook gibt es einige Gruppen, in denen Lagersuchenden gern geholfen wird.
Wie sieht die Kleidung aus? Die Kleiderordnung ist auf Histotaiment-Märkten ziemlich frei. Ob Game-of-Thrones-inspirierter Fellmantel oder Mittelalter Kleid mit Satinschnürung: Alles ist erlaubt, solange es ins Ambiente passt. Du musst nicht auf besondere Kleidungsschnitte oder Stoffe achten. Einfach das aussuchen, was dir gefällt. Allerdings gibt es auch hier Dinge, die einfach immer bescheuert aussehen, aber das ist ein Thema für sich und wird an anderer Stelle erläutert...
Histotaiment passt zu dir, wenn du...
• keinen Anspruch auf historische Authentizität legst. • die Atmosphäre auf Mittelaltermärkten liebst. • deine mittelalterliche Klamotte frei gestalten möchtest. • Kleidung alà „Herr der Ringe“, „Game of Thrones“ oder „Vikings“ tragen willst. • bereit bist, an diversen Veranstaltungen innerhalb des Marktes teilzunehmen.


Reenactment/ Living History
Beim Reenactment sieht das mit der historischen Korrektheit schon ganz anders auf. Hier geht es darum, geschichtlich fundierte Dinge möglichst 1:1 zu rekonstruieren. Dafür sucht man sich einen Zeitabschnitt, eine gesellschaftliche Stellung und eine räumliche Begrenzug aus (z.B. einfacher Bürger aus Aachen im 13. Jahrhundert) und stellt dann das damalige Leben dar. Wie hat die Kleidung ausgesehen? Wie hat man gekocht? Wie hat man Dinge gebaut? Und vor allem: Gibt es historische Belege dafür? Alles Fragen, mit denen sich ein Reenactor beschäftigt. Und merke: Was nicht eindeutig belegt ist (durch Funde, Gemälde etc.), ist im Living History nicht gern gesehen!
Was mache ich da den ganzen Tag?
Living History findet man oft in Burgbelebungen oder Museumsprojekten. Das bedeutet, dass du als Teilnehmer den Besuchern die geschichtlichen Aspekte deiner Darstellung vermittelst. Du zeigst ihnen sozusagen einen Tag aus dem Leben vor hunderten vor Jahren. Das bedeutet natürlich auch, dass du dein erworbenes Wissen an die Besucher weitergibst und Fragen beantwortest.
Selbstverständlich gibt es auch Mittelaltermärkte, die sich der historischen Korrektheit verschrieben haben. Somit kannst du ebenfalls als Heerlagerist im Reenactment tätig sein. Dann machst du im Prinzip nichts anderes, als der Lagerist auf dem Histotaiment-Markt. Nur halt 100% authentisch.
Wenn dich also die „richtige“ Geschichte interessiert und du mehr darüber erfahren möchtest, wie man damals gelebt hat, schaue am besten bei Facebook in die zahlreichen Reenacment-Gruppen. Außerdem gibt fast überall in Deutschland Kurse und Veranstaltungen zu klassischen ReenactmentThemen wie „Wie hat man damals gelebt?“, Brettchenweben oder historisches Nähen. Dort triffst
du bestimmt Leute aus der Nische, die dir bei der Suche nach Heerlagern oder Vereinen helfen können.
Wie sieht die Kleidung aus?
Wie es sich vielleicht erahnen lässt, kannst du im Reenactment nicht alles anziehen, was du im Online-Shop gesehen hast und hübsch findest. Sowohl die Schnitte, als auch die verwendeten Stoffe müssen zu der dargestellten Zeit passen. Vom geschnürten Baumwollhemd darfst du dich also schon mal verabschieden. Es gibt bisher auch recht wenige Shops, die einwandfrei belegbare historische Kleidung anbieten. Also kommst du ums Selbermachen in den wenigsten Fällen drum rum. 
Reenactment passt zu dir, wenn du...
• geschichtlich und archäologisch interessiert bist. • mehr über das Leben von damals wissen möchtest. • Lieber rekonstruierst als designst. • Spaß an alten Handarbeitstechniken und Handwerken hast. • bereit bist, auch eigene Ausrüstung herzustellen (oder genug Geld hast, um sie herstellen zu lassen)


Larp (Live Action Role Play)
Kommen wir nun zur dritten Nische, die oft in der Mittelalterszene auftaucht: dem Larp. Dabei hat Larp nicht zwangweise etwas mit Mittelaltermärkten zu tun. Es ist lediglich eine Abkürzung für Live Action Role Play, was soviel wie „Live-Rollenspiel“ bedeutet. Und das gibt es in vielen Varianten: von mittelalterlich-historisch über rein Fantasy bis hin zur Postapokalypse – alles findet man im Larp wieder. Das bekannteste ist das Fantasy-Larp, welches sich stark mit der Kleidung des Histotaiments überschneidet – Daher die Verbindung zur Mittelalterszene.
Was mache ich da den ganzen Tag?
Kannst du dich noch daran erinnern, wie du als Kind mit deinen Freunden „Räuber und Gendarm“ gespielt hast? Jeder hat sich einen coolen Namen ausgesucht, Papas oder Mamas Klamotten angezogen und auf einmal war man nicht mehr der kleine Peter, sondern „der tapfere Ritter Lancelot“. Man, hatte man da Spaß!
Larp ist grob gesehen nichts anderes. Du denkst dir eine Rolle (Charakter) aus, die du gern spielen möchtest (mit coolem Namen und ohne Papas Klamotten, du hast jetzt eigene) und spielst sie einfach. Redest wie sie, verhältst dich wie sie – so wie früher beim Kinderspiel.
Da das ohne Rahmengeschichte aber schnell öde werden kann, hat sich der Veranstalter der LarpCon (so heißen diese Veranstaltungen) ein Abenteuer für dich ausgedacht. Das heißt es gibt auch Spieler, die vorgegebene Rollen einnehmen, um dir eine Geschichte zu bieten. Die heißen dann Nicht-Spieler-Charaktere. Ziemlich verwirrend. Zusammengefasst wäre es dann so: Spieler Charakter (SC): Du suchst dir deine Rolle aus und handelst im Spiel, wie du möchtest.
Nicht-Spieler-Charakter (NSC): Deine Rolle bestimmt der Veranstalter und gibt dir auch grob vor, wie du dich verhalten sollst.
Larp-Cons finden oft im Wald, auf Burgen oder ähnlichem statt. Leider ist es für Einsteiger oft schwer, ohne Gruppenanschluss überhaupt auf solche Veranstaltungen aufmerksam gemacht zu werden. Das Internet ist aber auch hier eine gute Anlaufstelle. Es gibt etliche Foren und Gruppen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Anfängern den Weg in das Hobby zu erleichtern. Schau einfach mal nach, vielleicht gibt es auch in deiner Nähe eine Larpgruppe!
Wie sieht die Kleidung aus?
Pauschal kann man sagen: Es muss zum Setting (Fantasy, historisch, postapokalyptisch etc.), aber vor allem zu deinem gewählten Charakter passen. Wenn du einen Ritter spielst, solltest du keine Magierrobe tragen, ein Adliger in Bauernkleidung wirkt auch nicht wirklich überzeugend. Larp passt zu dir, wenn du...
• Spaß am Improvisationstheater hast. • gerne in andere Rollen schlüpfst. • komplett in die Spielewelt und deren Atmosphäre eintauchen möchtest. • Computer-/ Konsolen- Rollenspiele oder Pen & Paper magst.
Und wenn ich mich noch immer nicht entscheiden kann?
Keine Angst, das musst du auch gar nicht. Du kannst auch einfach alles machen! Nur, weil du eine
100% authentische Mittelalter Gewandung trägst, heißt das noch lange nicht, dass du dir nicht gleichzeitig eine Fantasy-Rüstung zusammenbauen kannst. Du musst dich nicht entscheiden. Du solltest nur darauf achten, dass du auf der jeweiligen Veranstaltung die passende Kleidung trägst. Also nicht unbedingt in einer High-End-Fantasyrüstung auf einer historischen Burgbelebung auftauchen.


Merke dir auf jeden Fall eines:
Es ist dein Hobby!
Du gestaltest es, wie du es möchtest! Wenn jemand zu dir sagt, dass deine Fantasy-Rüstung total unauthentisch ist, dann ignoriere das. Oder wenn dich jemand A-Papst nennt, weil du von nun an nur auf Funden basierte Hosen trägst. Total egal. Dir muss es gefallen!
Wenn du dir unsicher bist: Probier alles mal aus, rede mit den Leuten auf den Märkten. Schließe dich einem Heerlager an. Diskutiere in Internetforen. Hau jemandem mit dem Schaumstoffschwert auf die Rübe (im übertragenen Sinne, nicht im brutalen). Und hab einfach Spaß! Das ist das Wichtigste in diesem tollen Hobby.
Am Anfang ist es natürlich einfacher, wenn du jemanden hast, der dich an die Hand nimmt. Also wenn du Freunde hast, die schon ein Heerlager haben, fahre doch einfach mal probehalber mit. Ansonsten gibt es, wie schon oben so oft erwähnt, ganz liebe und nette Menschen im Internet. Und wenn du das Gefühl hast, dass dein neues Lager oder deine Larp-Gruppe nicht passt, ist es auch kein Beinbruch, das zu kommunizieren. Es gibt genug andere Mittelalter-Gruppen, in denen du dich vielleicht wohler fühlst.


Und jetzt organisiere dir ein cooles Outfit und stürze dich in das Abenteuer! Viel Spaß!

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